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Neues auf Linie 305


WAZ
(Lokalteil Recklinghausen) 23. Oktober 1982

Ihre letzte Fahrt

IHRE LETZTE FAHRT durchs Vest hatte sie ja schon absolviert (wir berichteten), da machte sich die gute alte Vestische auf den Weg in eine neue elektrische Zukunft. Diesmal allerdings nicht auf den gewohnten Schienen, sondern auf dem Rücken eines Sattelschleppers. Künftig wird sie ihren Dienst in der französischen Stadt Lilie erfüllen.

Linie nach Lille 

Mit der Einstellung des Verkehrs auf der Linie 305 verschwand die „Elektrische" aus dem Stadtbild von Recklinghausen. Doch noch nicht ganz. Immer dann nämlich taucht sie wieder auf, wenn Werner Röhl und seine Kollegen von einer Duisburger Spezialfirrna anrollen. Sie sind es, die „Zug um Zug” den Transport der Straßenbahnen nach Frankreich durchführen. Wie es dabei zugeht schildert der nachfolgende Bericht:

Das Anheben der Gelenkzüge mit einer Anlage, die später auch bei den Bussen eingesetzt werden soll und das Rangieren des Transporters unter die nun “schwebende" Bahn erscheint für den Betrachter wie ein Kinderspiel, ist in Wirklichkeit aber genaueste Millimeterarbeit. Werner Röhl hat dabei schon jede Menge Erfahrungen gesammelt. Schließlich hat er bereits 17 Bahnen nach Frankreich gebracht und pendelt täglich auf der letzten „Linie" der Vestischen" zwischen Lille und der Vestmetropole.

Mit 28 Metern hat unser Transport Überlänge. Deshalb ist auch ein Begleitfahrzeug mit gelbem Blinklicht vorgeschrieben, genau so wie der Fahrtweg, den das Straßenverkehrsamt ausgearbeitet hat. Das kurze Stück bis zur Autobahn verlangt von Werner Röhl viel fahrerisches Können.

Am Straßenrand bleiben immer wieder Passanten stehen, um sich das Manöver anzusehen. Oder ob sie ein letztes Mal den Anblick einer Straßenbahn in Recklinghausen erleben wollen? Auch auf dar Autobahn erregt unser Transport Aufsehen. Doch für Werner Röhl ist der Gelenkzug mit seinen 20 Tonnen schon fast ein Leichtgewicht unter den Dingen, die er bisher transportiert hat. „So ab 50 Tonnen wird die Sache da schon schwieriger”, meint er und denkt dabei vor allem an die Gefällestrecken, wo er oft nur im „Schneckentempo" herunterfahren kann. Mir kommt unsere Geschwindigkeit angesichts der großen Höhe im Führerhaus allerdings auch eher langsam vor, obwohl wir meist 70 Stundenkilometer fahren.

Auf neun Achsen
AUF NEUN ACHSEN rollt die Straßenbahn nach Nordfrankreich. „Convoi exceptionnel" (Sonderfahrzeug) heißt es am Heck der alten Züge.
















In Aachen ist unsere Reise mit der Straßenbahn, vorerst jedenfalls, zu Ende. Während in der Bundesrepublik Schwertransporte nicht während des Berufsverkehrs fahren dürfen, ist in Belgien die Fahrt erst ab 22 Uhr frei. Jetzt mache ich erste Bekanntschaft mit meiner Schlafpritsche, die im Vergleich zu normalen Betten sehr schmal ist. Nur gut, daß an der offenen Seite Haltegurte angebracht sind! Ein wenig Wohnzimmeratmosphäre zaubert Werner Röhl, als er zur Tagesschauzeit den Fernseher auspackt.

Auch sonst hat er es sich hier mit Teppichboden ziemlich gemütlich gemacht, um so gut die Woche über im Lkw leben zu können. Konserven, Getränke und ein großer Wasserkanister machen ihn unabhängig von der Gegend, wo er gerade ist. Ohne Französischkenntnisse gibt es auch manche Schwierigkeiten bei der Bestellung. Seit er einmal ein Steak nicht durchgebraten, sondern fast roh bekommen hat, lernt er übrigens französisch.

Fast auf die Minute genau setzt sich gegen 22 Uhr unser Gefährt wieder in Bewegung. Wir müssen Landstraßen fahren, da in Belgien Schwertransporte auf der Autobahn verboten sind. „Die wollen ihre Fernstraßen schonen", meint Werner Röhl und erzählt von einigen Fällen aus der Bundesrepublik, wo ganze Brücken schon durch schwere Fahrzeuge beschädigt wurden. Der 321 PS starke Motor durchbricht nicht nur wieder unsere Ruhe im Führerhaus, sondern auch die in vielen kleinen Orte, die wir passieren.

Die gelben Blinklichter an unserem Fahrzeug zeichnen bizarre Muster an die Hauswände, die an. uns vorbeihuschen. Da die Straßen fast leer sind, kommen wir schnell voran. Doch manchmal müssen wir unser Tempo erheblich drosseln, da der Zustand derFahrbahnen sehr zu wünschen übrig läßt. Und ein Lkw ist, wie ich immer wieder erfahre, nicht so gut gefedert wie ein Pkw.

Um 2.30 Uhr ist die französische Grenze erreicht und unsere Straßenbahnreise erneut unterbrochen. Denn die Franzosen erlauben Schwertransporte erst wieder ab 9 Uhr. Ein Stück europäische Wirtschaftsgemeinschaft!

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen!" werden wir nach unserer Nachtruhe geweckt. Günther Wohlfahrt, ein Deutscher, der in Frankreich ein Speditionsunternehmen leitet, hat die Formalitäten beim Zoll erledigt, die Fahrt kann weitergehen. Doch die. kurze Strecke wird noch einmal zu einem schwierigen Stück Arbeit.

Denn die Franzosen fahren wie die „Teufel", quetschen sich immer wieder an dem Konvoi vorbei und lassen in den Kurven oft keinen Raum für das ausscherende Fahrzeug. Im Straßenbahndepot von Lille wartet man schon auf unsere Ankunft.

Ein Blick aus dem Heckfenster
EIN BLICK aus dem Heckfenster der Zugmaschine: schon fast könnte man glauben, die Straßenbahn würde auf den Straßen von Frankreich fahren. Doch noch bis Januar wird der Umbau der Fahrzeuge dauern.

waz-Bilder: Bachmann















Schnell ist deshalb auch das Abladen erledigt, während wir in einem Café frühstücken. Danach wird der Tieflader, der für den Transport auseinandergezogen wurde, wieder zusammengeschoben. Nun können wir für die Heimfahrt die Autobahn benutzen, über die wir schnell wieder zur Grenze bei Aachen gelangen. Hier trennen sich unsere Wege. Denn Werner Röhl bleibt an der Grenze, um von seinem Kollegen die nächste Straßenbahn zu übernehmen, die sich schon auf der Fahrt von Recklinghausen befindet.

Joachim Bachmann


Mit freundlicher Genehmigung der WAZ im Vest Recklinghausen


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