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Neues auf Linie 305


WAZ
(Lokalteil Recklinghausen), 2. Oktober 1982

Recklinghausens Straßenbahnzeitalter endet am Sonntag
Mit Wehmut auf letzten Fahrten
Gelenkbusse ersetzen Bahn

In der Nacht von Sonntag auf Montag (mit Fahrplanende) geht in Recklinghausen endgültig das Straßenbahnzeitalter zu Ende. Die Vestischen Straßenbahnen stellen dann die Linie 305 (nach Herne) auf Busse um. Dies soll ohne große Feierlichkeiten vonstatten gehen, doch ist ein kleiner Umtrunk mit den Straßenbahnern abends im Depot an der Castroper Straße geplant. Acht neue Gelenkbusse werden dann am Montag die alte „Elektrische" ersetzen. Unser Mitarbeiter Joachim Bachmann fuhr frühmorgens noch einmal mit der Straßenbahn von Recklinghausen nach Hauptbahnhof Bochum. Wie er eine dieser Abschiedsfahrten erlebte, schildert sein nachfolgender Bericht:

Gelenkbusse ersetzen BahnNEUE GELENKBUSSE verkehren ab Montag zwischen Recklinghausen und Herne auf der Strecke der ehemaligen 305.

waz-Bild: Finger










Abkehr von der Schiene wegen geringerer Kosten
3.40 Uhr morgens am Betriebsbahnhof der „Vestischen": Die Fahrzeughalle ist hell erleuchtet, Gelenkzüge stehen einsatzbereit auf ihren Plätzen. Im Fahrerraum wartet Paul Ollmann auf den Schichtwechsel. Er löst einen Kollegen vom Nachtdienst ab, der jeden Augenblick eintreffen muß. Lange wird er hier nicht mehr auf das bekannte Quietschen der Straßenbahn warten. „Die Vestische", frotzelt einer, „hat nur so viele Straßenbahnfans, weil sie alle Linien stillegt." Nach einem kurzen Plauderintermezzo geht es für Paul Ollmann „auf die Strecke”.

Die Straßen der Festspiel-Stadt sind noch wie ausgestorben und der Hauptbahnhof schnell erreicht. Die Bahn wird umgesetzt, Schilder gewechselt. Unsere Endstation ist nicht Bochum oder Herne sondern Recklinghausen-Süd. Die Tour gehört zu einem exakt ausgetüftelten Plan. Im Zehn-Minuten-Takt schicken „Vestische" und „Bogestra"
ihre Wagen auf die Strecke.

Um diese frühe Tageszeit kennt Paul Ollmann viele seiner Fahrgäste. Den Mann, der kurz vor vier zur Zeche General Blumenthai fahrt, den Bäcker, der jeden Morgen am Bruchweg einsteigt und zu seinem Arbeitsplatz an der Marienstraße will. Retour zum Bahnhof ist die Strecke belebter. An den Haltestellen warten schon mehr Frühaufsteher. Im Wagen herrscht fast gespenstige Stille. Herzhaft gähnen die Fahrgäste, Die Scheiben spiegeln ihre verschlafenen Gesichter wider.

“So wach wie der Fahrer ist hier noch niemand", schmunzelt Ollmann. „Die wollen alle noch ein kleines Nickerchen machen." An der Endstation werden die Schilder wieder gewechselt - jetzt zum ursprünglichen Endpunkt der Linie 305 nach Bochum-Hustadt.  

Die Bahn füllt sich. Ein Fahrgast liest die Zeitung. Und ich, als eingefleischter Autofahrer, beneide ein wenig den Mann, der ausgeruht und informiert am Arbeitsplatz erscheinen wird. An Wind und Wetter beim täglichen Marsch zur Haltestelle denke ich dabei nicht. Und auch nicht an eventuelle Verspätungen. Paul Ollmann gibt zu: “Manchmal geht meine Pause drauf, wenn ich den Fahrplan nach Verspätungen wieder einhalten will.“

WAZ 02. Oktober 1982 Blick mit Wehmut
PAUL OLLMANN blickt mit Wehmut auf frühere Zeiten zurück, bald fährt er einen Bus.
 
waz-Bild: Bachmann











In Herne wird die Bahn dann schlagartig so voll, daß nicht alle Fahrgäste einen Sitzplatz finden. Spätestens hier ist es mit meiner anfänglichen Begeisterung für öffentliche Verkehrsmittel vorbei.

“Früher", erzählt mir Paul Ollmann, „früher kannte in der Bahn jeder jeden. Man war auf die ‘Elektrische’ angewiesen. Heute fahren Leute oft nur dann mit uns, wenn das Auto in der Werkstatt ist.“

Nach insgesamt 23 Kilometern und 72 Minuten Fahrzeit ist die Endstation Hustadt erreicht. Auf dem Rückweg nach Recklinghausen plaudert Paul Ollmann etwas wehmütig über alte Zeiten. Damals sah sein Dienst anders aus. Die Vestische Straßenbahn fuhr noch bis Oberhausen-Osterfeld und Lünen-Brambauer, der Fahrer absolvierte den Dienst im Stehen und bediente das Schienengefährt mit einer Handkurbel.

Bald wird auch unsere Fahrt ein Stück Straßenbahn-Geschichte sein und Paul Ollmann zum Busfahrer umschulen, um jene Verkehrsmittel zu fahren, die durch billigere Betriebskosten der „Elektrischen" den Garaus bereiten. Der Schriftzug „Vestische Straßenbahnen” an den Bus-Flanken wird dann nur eine Erinnerung an alte Zeiten sein.


Mit freundlicher Genehmigung der WAZ im Vest Recklinghausen


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